|
Du hast uns den Ton abgedreht. Ich habe nicht mehr geredet. Das Schweigen hat uns kaputt gemacht. Mein Schweigen ist so laut, dass man damit mehrere Blocks beschallen könnte. Jemand, der dich nicht kennt, könnte denken, du wärst ruhig. Doch deine Ruhe implotiert. Du bist so laut, dass man weglaufen möchte, vor dem was du nicht sagst. Es gibt nur meine und deine Seite. Richtig und falsch. Nein. Es gibt nur Abstand und noch mehr Abstand. Ein tonloser Raum. Ein Universum zwischen uns. Eins, in dem jeder Laut verschluckt wird. Eine Wattewand steht. Schlägt man dagegen, ist sie weich und nachgiebig. Versuche ich zu schreien, wird alles eingesaugt. Ich flüchte vor der Stille, die so mächtig ist, dass sie einen verfolgt. Man muss sehr weit gehen, um sie nicht mehr zu hören. Und schlimmer noch, niemand kann den Raum dazwischen füllen. Und ja, es ist nicht immer da. Und ja, die meiste Zeit denk ich nicht an dich. Nur wenn mich dieser stumme Ton trifft. Der nach Innen, der alle Laute schluckt, dann bist du überall. Voll und ganz. Ich sehe dein Gesicht, deine Augen. Es ist ein vorwurfsvoller Blick, den du hast. Ich habe ihn oft gesehen. Doch es ist so still. Totenstill. Du hast uns den Ton abgedreht. |
||
|
|
Ihre Gedanken sind verheddert. Langsam blinken die Nachrichten über den Bildschirm. Ihr Blick ist starr darauf gerichtet und ein kleines Gefühl von Schuld schleicht sich an. Sie unterdrückt es, weil ihr gesagt wird, dass es nicht an ihr liegt. Aber es sticht trotzdem noch ein bisschen. Sie freut sich auf ihn. Auf den See. Auf gemeinsame Erinnerungen und auf das Gefühl der Geborgenheit von letztem Jahr. Wenn da dieses Aber nicht wäre. Es mahnt sie vorsichtig zu sein. Ein guter Freund und eine Schulter zum Anlehnen. Und eine andere Realität. Die Tage bis dahin werden nur langsam verstreichen. Sie vermisst die langen Gespräche am Telefon.
|
||
|
|
"Einer will immer mehr. Einer will immer mehr. Und keiner will mich so sehr, wie du. Sowieso. Einer will immer mehr. Einer will immer mehr. Und keiner fällt das so schwer wie mir." Alin Coen
|
||
|
|
Deine Hand liegt an meiner Hüfte. Ich halte den Kopf gesenkt. Wir vermeiden es, uns in die Augen zu schauen. Unsere Körper bewegen sich im Takt der Musik. Mein Bein streift über deins und ich bin dir so nah, dass ich deinen Duft riechen kann. Es lässt mich kurz den Ort vergessen, an dem ich bin. Du siehst gut aus, wie immer. Du bist in einer festen Beziehung, wie immer. Wir kennen uns schon lange und doch nicht wirklich. Wir reden nicht viel. Nur wenn wir zusammen tanzen, sprechen wir eine Sprache. Wir sind vorsichtig. Wir sind nicht allein. Wir tanzen eng und halten dann Abstand. Wieder liegt deine Hand ganz leicht auf meiner Seite und du hälst mich. Ganz leicht berühren sich unsere Beine und Oberkörper, während die Musik langsamer wird. Wir drehen uns. Kurz die Augen geschlossen. Taktwechsel wieder schneller. Ich muss mich an dir festhalten, um mein Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ich mag dich. Das ist alles. Auch nicht weniger. Das, was wir haben, hält nur diesen Moment. Diese Nacht. Es ist nichts. Wir gehen auseinander und können guten Gewissens sagen: "Es ist nichts." Und wir haben recht. Du hast mir einen Moment der Ruhe geschenkt, auf einer Tanzfläche voll von Menschen. Ich schaue kurz nach oben. Ich lächele und deine Mund verzieht sich ganz leicht. Drei Sekunden später lässt du mich los und jemand neben mir drückt mir ein Bier in die Hand. Innerlich bin kurz zusammengezuckt. Doch das Lächeln bleibt, während ich mich umdrehe. Da sind sie alle wieder. Gruppendynamik. Wir fügen uns. Nur der Duft bleibt. Zum Glück. Und ich atme den Moment des Vergessens.
|
||
|
|
Wir leben zwei Leben. Das eine, das wir gern leben möchten und das zweite, das wir tatsächlich leben. Das ist, als hätte man eine Affäre mit sich selbst. Und wir können uns nicht immer selbst täuschen. Wir leben in beschissenen Zeiten, mein Freund. Und man müsste doch was tun. Oh, dieser Satz. Gesprochen von vielen und verklungen zwischen Kaffee und Zigaretten. Wir hängen an unserem Alltag fest. Der süße Honig, den sie uns geben, verklebt uns den Mund. Bis wir glauben, was wir sagen. Und das Salz in unseren Augen brennt so sehr, wenn wir Tränen hätten, würden wir sie vielleicht auch vergießen. Für unsere verlorene Jugend und für eine Zukunft, die keine ist. Die, die uns bekämpfen sind unsichtbar. Und doch vor uns und hinter uns. Sie ziehen uns das Geld von unseren Konten. Sie bewachen uns auf Schritt und Tritt. Niemand kann sich davonschleichen. Denn wir haben eine Verantwortung. Und was für eine das ist. Eine, die uns selbst nicht gleichgültiger sein könnte. Nur in unseren Träumen finden wir uns wieder. Hier sind wir sicher vor uns. Hier brechen wir aus. Hier ist noch alles möglich. Kurz leuchten unsere Augen, weil sie eine Hoffnung erblickten, die noch immer verschleiert vor uns liegt. |
||
|
|
Er lacht leise. Es kommt wie ein kleines Blubbern aus seinem Mund. Sie glaubt nicht, dass es wirklich witzig war, was sie sagte. Ihre Gedanken sind schon längst nicht mehr in diesem Raum. Sie ist schon wieder auf Wanderschaft durch ihren Kopf. Sie zieht an ihrer Zigarette, während sie oberflächlich dem Gespräch folgt und an den richtigen Stellen lacht. Er sagt immer: "Es ist alles ok, Kleines." Genauso. Und dann schaut sie ihn an und versucht zu ergründen, ob er das wirklich so meint. Sie glaubt ihm nicht. In ihrem Kopf ist gar nichts ok. Die Zigarette ist aufgeraucht. Sie greift sich Tabak, Filter, Blättchen. Dreht. Klick. Feuer. Ein tiefer Zug. Nebel. Er verschwimmt in ihrem Blickfeld und sie fragt sich, an welchem Punkt sie eigentlich angefangen hat, die Wahrheit zu sagen. Ungefähr nach dem zweiten Wodka und dem dritten Bier. Sicher ist sie sich aber nicht. Und es spielt auch gar keine Rolle, denn er hört sie nicht. Die Wahrheit. Er nimmt ihre Hand und das Gefühl der Verbundenheit kommt doch noch einmal zurück. Sie wird wohl wieder mitgehen.
|
||
|
|
Dieses "Fickt euch" war tief in ihre Augen geschrieben. Die Abwehr sprach aus jeder ihrer Bewegungen. Ihr Lächeln frass alle, die sich ihr näherten. Zwischendurch hob sie die Flasche an ihre Lippen und trank mit einem langen Zug. Wer hätte schon sagen können, was sie gerade dachte. Ab und zu neigte sie den Kopf um der Musik zu lauschen. Doch nichts half diesen schrecklichen Ausdruck aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Verzerrte Gesichter trieben an ihr vorbei und alles, was sie sah, war der leere Tresen vor ihr und der Spiegel gegenüber. Manchmal hob sie langsam die Hand und schob ihre Haare aus der Stirn. Sie fielen sofort wieder zurück. Und der verstohlene Blick in seine Richtung ging unter. Er blieb versteckt im Gewühl der Hände und Körper. Alles wurde zur Kulisse für den Tanz, den sie hier aufführten. Unter ihren Füßen zerplatzten die rohen Eier, auf denen sie sich bewegten. Und während sie wieder festen Boden unter den Füßen erreichte, sammlte sich dieser bekannte Schmerz in ihrem Bauch. Und sie senkte den Kopf, damit niemand dieses Gefühl in ihrem Blick aufblitzen sah. Sonst hätte sich der Raum für kurze Zeit in dunkles Licht getaucht. Ein Lachen drang an ihr Ohr und aus den Augenwinkeln sah sie ihm zu, wie er sein Glas hob. Und da war er vorbei. Der Moment.
|
||
|
[erste Seite] [eine Seite zurück] [eine Seite weiter]
